Das umgedrehte Stoppschild – eine These

Anbei ein Artikel von einem Webseitenleser, der mir freundlicherweise hier zur Veröffentlichung frei gegeben wurde.


Das umgedrehte Stoppschild – eine These

Unsere Familienministerin hat sich ja dazu hinreißen lassen, 20% der Internetnutzer als Kriminelle, als potentiell „Pädokriminelle“ zu verunglimpfen. Und das nur deshalb, weil sie in der Lage sein sollen, die geplante Internetsperre zu umgehen. Diese Kriminellen sollen dann auch noch dadurch bekämpft werden, dass man sie denunziert. So die stark verkürzte, auf den Punkt gebrachte, Darstellung der Aussagen von Frau v.d. Leyen. Diese Darstellung soll hier reichen, man braucht sich auch das Interview nicht unbedingt im Original anzutun. Es dreht sich einem wirklich der Magen um ob der dortigen Agitation.

http://www.radioeins.de/programm/sendungen/eine_stunde_zeit/kopf_der_woche/ursula_von_der_leyen.html

Solche Äußerungen beruhen kaum auf rationalen, polit- oder wahlkampfstrategischen Überlegungen. Dafür sind diese Äußerungen viel zu riskant, hier können sich Millionen Wähler beleidigt fühlen. Darunter auch diejenigen CDU-Wähler, die keine DAUs sind. Und tatsächlich haben, wie man bei heise.de nachlesen kann, etliche Fachleute Strafanzeige erstattet, auch wenn die Erfolgsaussichten eher mäßig sind. Trotzdem hilfreich – und zeugt von Zivilcourage.

Wie aber, so ist zu fragen, kann es dazu kommen, dass sich eine abgebrühte Politikerin zu einer solchen - man muss es bedauerlicherweise so nennen - Hasstirade gegen einen erheblichen Teil (ich schätzte mal vorsichtig, so 3 bis 5 Millionen), der Bevölkerung hinreisen lässt? Das muss Gründe haben. Irgendwas muss die Frau fürchterlich aufregen. Besonders stutzig macht mich, dass sie Zahlen verwendet. Wer aus dem „luftleeren Raum“ heraus Agitation betreibt, redet von „vielen“, einem „erdrückenden Anteil“ oder ähnlich. Aber wieso ausgerechnet, ganz konkret, 20%? Warum dann nicht 10% oder weniger - wäre glaubwürdiger – oder gleich 30% . Wenn schon – denn schon.

Ich sehe hier einen engen Zusammenhang damit, dass es bei der Telekom (TKAG) angeblich noch ein halbes Jahr dauern soll, die Filter einzurichten. Es gibt Spezialisten dieses Teilaspektes unseres Metiers, die sich darüber sehr wundern. Sie vermuten, dass die Sperre, schon im ersten Schritt, doch tiefer reichen soll, als nur die Filterung von DNS. Dies legt die Geheimniskrämerei ja nahe. Es wird davon ausgegangen, dass der Nutzer keine alternativen DNS mehr „ansteuern“ können soll, was er aber auch nicht merken soll.

Das halte ich für unwahrscheinlich, das wäre wohl in gröbster Weise verfassungswidrig. Wenn das auffliegt, und davon müssen die Provider ausgehen, würde sicher ein außerordentliches, fristloses, Kündigungsrecht greifen, wg. zerstörter Vertrauensbasis. Nein - davon bin ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überzeugt - es ist ganz anders:

Ich gehe davon aus, dass inzwischen schon ein nicht mehr zu vernachlässigender Teil der Kunden der Zensurprovider alternative DNS nutzt. Entweder ganz gezielt, um sich vor vorhersehbaren Willkürmaßnahmen des kommenden Zensurapperates ein wenig zu schützen oder einfach, weil unsere Kids neugierig geworden sind und die Sache mal ausprobiert haben. Schließlich findet man dazu inzwischen Anleitungen zu Hauff, man muss nur bei Google mal „sperre umgehen anleitung“ eingeben. Und weil die Kids dies cool finden und sich auch noch neue Möglichkeiten eröffnen, belassen sie nicht nur diese Einstellung sondern erzählen und zeigen natürlich stolz weiter, was sie da Tolles herausgefunden haben.

Dass sie alle damit viel mehr tun, als nur eine, eigentlich unbedeutende, Änderung der Konfiguration ihres Rechners durchzuführen, scheint den meisten dieser „Übeltäter“ bisher nicht bewusst zu sein. Man muss erkennen, dass da aus der Sicht derer, die das WWW aus der Vogelperspektive beobachten können, im Moment etwas ganz anderes ablaufen dürfte: Eine Volksabstimmung mit den Maustasten! - Sozusagen. Wenn man das nicht sogar als so etwas wie eine „virtuelle Emigration“ bezeichnen kann, nicht nur so die User ausländische DNS verwenden.

Keinesfalls unterstelle ich den Providern, dass sie den Internetverkehr überwachen. Aber in der TK-Branche ist es, bereits seit den Urzeiten dieser Technik, üblich, das Verkehrsaufkommen bei allen Teilgruppen der technischen Einrichtungen möglichst detailliert zu messen. Und weil die reine Erfassung dieser Daten für die  Planung der Investitionen zunächst mal nutzlos ist, werden aus diesen Daten Prognosen erstellt. Und weil man das schon ewig macht, sind diese Prognosen sehr genau. Gehen wir deshalb einfach mal davon aus, dass nicht nur bei der TKAG inzwischen Analysen, ähnlich wie folgend beschrieben, vorliegen:

„Wie sich durch den Rückgang des Datenverkehrs über die hauseigenen DNS belegen lässt, nutzt bereits jetzt ein deutlich messbarer Teil der Kunden diese Rechner nicht mehr. Viele sind bereits auf Alternativen umgestiegen. Der Anteil der Kunden, die diese Möglichkeit nutzen, steigt derzeit explosionsartig; der  Anstieg wird sich aber in einigen Monaten, bei etwa 20%, beruhigen. Allerdings darf für den späteren Verlauf nicht davon ausgegangen werden, dass es  Kunden gibt, die diese Maßnahme zurücknehmen. Schließlich wurde die Entscheidung dafür gegen erheblichem politischen Druck getroffen. So ist davon auszugehen, dass sich der Anstieg dann zwar erheblich verlangsamt hat, aber doch, auf absehbare Zeit, messbar bleibt.“

Da haben wir die 20%, als glaubhafte Größenordnung.

Wenn das alles wirklich so sein sollte, so sind die Folgen, aus Sicht der Betroffenen (Politiker, Provider und Hintermänner), schlicht fatal. Man muss bedenken, dass so eine Prognose auf harten Fakten beruht, auf tatsächlichem Handeln von Menschen. Das ist ganz anders als alles Gewohnte, beispielsweise wie bei der berühmten Sonntagsfrage. Hier erlaubt sich doch tatsächlich der gemeine (in beiden Sinnen des Wortes) Internetnutzer, das ihm entgegengestreckte Stoppschild einfach zu packen und umzudrehen, sodass es jetzt zu derjenigen zurückzeigt, die es in der Hand hält. Da macht also der User glatt eine Revolution – und merkt es nicht einmal, zumindest bis jetzt. Ich will das (zugegeben, plakativ) verdeutlichen, indem ich auf den Begriff der „virtuellen Emigration“ zurückkomme: Man stelle sich vor, 3 Millionen Mitbürger wären reell dabei, die Koffer zu packen.

Daraus wird auch verständlich, warum die Telekom abwarten will, ob das Gesetz auch wirklich kommt. Denn 20% der Kunden drohen mit ihrem Verhalten zwar indirekt, aber sehr ernsthaft, bei nächster Gelegenheit zu 1&1 oder einem anderen, nicht zensierenden Provider zu wechseln. Das ist für die Zensurprovider eine Erkenntnis, die man unter keinen Umständen ignorieren kann.

Jürgen K.
Dipl.- Ing. (FH) Nachrichtentechnik
Saarland

Technisch keine Hürde

Wenn man sich darüber im klaren ist, das man bei Interneteinwahl sowieso im Vornetz des jeweiligen Providers landet, dann erkennt man wie leicht Zensursulas Pläne technich umsetzbar sind. Zwangsproxyx mit Werbeeinblendungen hatten wir auch schon. Ob das Vornetz nun Port 53 (DNS) zu fremden DNS ins freie Internet rauslässt ist nur eine Frage weniger Firewallregeln. Ebenso ist das umbiegen solcher Anfragen auf die Stoppschild DNS im Vornetz ein Easy Going.
Mal ehrlich, wenn die Menschen nicht aufwachen und ihre Stimme erheben, warum sollte dann ein umgehen der Sperren toleriert werden? Entweder technisch wie beschrieben oder wer es versucht kommt gleich in die Fahndungslisten des BKA.

Technisch keine Hürde

Richtig! Deshalb ist es wichtig, dass möglichst viele nicht nur die Petition unterzeichnen,

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https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;pe...

(Damit endlich die 100.000 voll werden :-)
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sondern auch den DNS umbiegen. Will man, sagen wir mal 100.000de, auf die Liste bringen? Absurd.

Und heimlich alternative DNS zu unterbinden, ist ein absolutes Nogo. Das würde auffliegen, noch bevor es richtig installiert ist. Damit wäre das Vertrauensverhältnis futsch, ein außerordentliches Kündigungsrecht die Folge. Und die Folgen für die Provider unabsehbar.

Grüße

Das die Telekom 6 Monate für

Das die Telekom 6 Monate für die Software braucht, könnte auch noch einen anderen Grund haben. Auf abgeordnetenwatch.de bin ich auf eine sehr interessante Antwort der Abgeordneten Dorothee Bär (CSU) gestossen :
 
ZITAT
Niemand wird mit strafrechtlichen Maßnahmen zu rechnen haben, der ein einziges Mal versehentlich auf einer Stopp-Seite landet. Die Behörden werden nur aktiv, wenn sich diese verhinderten Besuche häufen und so von einem "Versehen" nicht mehr ausgegangen werden kann.
ZITATENDE
 
Quelle :
http://www.abgeordnetenwatch.de/dorothee_baer-650-6587--f177372.html#q17...

Diese Aussage setzt natürlich voraus, das beim Provider nicht nur die IP-Adresse und der Zeitpunkt des Besuches der Stoppschild-Seite gespeichert wird, sondern diese Daten automatisch mit den personenbezogenen Daten (Name, Adresse usw) des Besuchers versehen und zur eventuellen späteren Verwendung gespeichert werden. Nur auf diese Weise wäre es möglich, mehrfache Besuche einer einzelnen Person festzustellen. So eine Software dauert natürlich.

Entweder ist Frau Bär wie so viele andere Abgeordnete unwissend in den technischen Aspekten des Internets oder sie hat sich verplappert. Sie ist übrigens stellv. Mitglied im Innenauschuss und Fachsprecherin der CSU für Neue Medien.

Einladung zur Spekulation...
 

Antwort:

Der Zeitpunkt der Ankündigung der Verzögerungen passt nicht in den üblichen technisch-planerischen Ablauf. Das ist ein etwas unsicheres Argument, welches aber gerade auch deshalb einer sehr umfangreichen Erläuterung bedürfte. Passt aber ins Gesamtbild.

Hätte ich alle Argumente präzise einbauen und auch noch genau erläutern und bewerten wollen, wäre ich längst noch nicht fertig, es würden sicher so 8 Seiten zusammenkommen.